Zweifel erlaubt ?!     
 
  12.04.2008      
   
 
"Wenn nicht Meinung gegen Meinung offen gesagt wird, lässt sich die bessere nicht herausfinden" Herodot
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Leiden an der Kirche
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Zwischen Resignation und Sehnsucht

Als Michael mich fragte, es war wohl letztes Jahr und wir hatten uns eine weile unterhalten, ob ich heute etwas zum diesem Thema sagen wollte, bat ich um Bedenkzeit. Es spielen da ja einige Faktoren mit. Immerhin habe ich kein Musikinstrument an dem ich mich festhalten, oder dem ich mich verstecken kann, wobei eine Trompete da sicherlich nicht das beste Versteck bietet. Das Terrain auf dem ich mich bewege ist auch unbekannt. Aber: No risk no fun. Wie ihr seht habe ich Letztlich zugesagt . Jetzt allerdings, wo ich hier und Heute vor Euch stehe, eure Gesichter sehe, die Nervosität spürbar ist, meine Nervosität spürbar ist - ihr könnt nicht sehen wie weich meine Knie sind - beschleichen mich Zweifel ob ich damals richtig entschieden habe. Wir werden sehen.

Meine erste Reaktion auf die Frage ob ich heute etwas über Zweifel sagen könnte war eine Gegenfrage: "Wieso ich? Ich habe doch keine? Prompt bekam ich die mich erstaunende Ant-wort: "Weißt du in unserem letzten Gespräch hast du deutlich Zweifel geäußert." Ich habe Zweifel geäußert? Mitnichten oder doch? Kann es sein das ich mir gar nicht bewusst war, Zweifel geäußert zu haben, dass ich mir über meine Gedanken und Empfindungen gar nicht klar bin, sonder einfach "nur" lebe? Aus Tradition oder trotz Dinge tue und mich nicht klar ist, warum ich es tue? Ich habe mir darüber Gedanken gemacht.

Und um zu verstehen warum ich zweifele, muss man ein wenig zurück schauen. Ich bin seit ca 18 Jahren hier auf der Höhe und ungefähr genauso lang Glied der Gemeinde -wobei ich mich noch wie heute daran erinnern kann, wie mich eine Schwester nach 2 Jahren als neuen Zivi hier auf der Höhe begrüßte und fragte ob ich eher Klempner oder Schlosser von Beruf sei.

Den Großteil meines beruflichen Lebens habe ich im Werk "in der Wahrheit" verbracht. So waren berufliche Stationen der DVG in Lüneburg, das Krankenhaus Waldfriede in Berlin und eine lange Zeit das Schulzentrum Marienhöhe. Mit einer mehrjährigen Unterbrechung in der ich mich berufliche veränderte, ich war im Vertrieb tätig bin ich nun zum Februar 08 wieder -eingemeindet- worden, und freue mich im Haus Odenwald ein, für mich, neues und interessantes Tätigkeitsfeld gefunden zu haben.

Rückblickend behaupte ich das Sichtweisen bzw. das Erleben von Gemeinde einer ständigen Veränderung/Wandel unterliegt. Damals in der Schulzeit war der Samstag etwas Besonderes. Es war der Tag an dem ich Menschen traf die ich der Woche nicht gesehen hatte, es war ein Highlight der Woche. Ich will es nicht hoch stilisieren und dem eine theologische Note geben, aber es hatte einen anderen Geschmack. Mit der Zeit aber, wenn man beruflich in Institution eingebunden ist, und die Grenze zwischen Alltag "dem draußen" und Gemeinde "dem drinnen" fällt, es kein klares Schwarz und Weiß mehr gibt, dann ist es mit dem Glauben nicht immer leicht.

Bis vor einigen Jahren hatte ich keine Schwierigkeiten. Ich habe hinter allem Gestanden, konnte Endscheidungen zum Gemeindeaustritt, wie ich es in meiner eigenen Familie und im Bekantenkreis erlebt habe nicht verstehen. Aber mittlerweile bin ich an dem Punkt angekommen, dass diese Position nicht mehr unerklärlich ist. Es war damals alles so einfach: die böse Welt draußen " unter der Woche" und drinnen die Guten "jeden Samstag". Lass die Zugbrücke bloß nicht runter, denk nicht darüber nach und tu alles, was dich von den anderen Unterscheiden kann, damit der elitäre Charakter gewahrt bleibt. Freitagabend Lektion lernen, Baden, Saubermachen abhetzen bis zum Sonnenuntergang ja alles fertig machen. Es ging. Aber dann??

Bevor ich über meine persönlichen Gedanken und Empfingen spreche, die mir immer wieder mal durch den Kopf gehen, eine kurze Vorbemerkung: Die eine oder anderen Stelle ist sicher etwas Schwarz-Weiß gemalt. Deshalb möchte ich vorausschicken, dass ich mit dem, was ich heute hier sage, niemanden kritisiere oder gar angreifen will Alles was ihr jetzt hört entspringt meiner persönliches Wahrnehmung, meinem Zweifel. Wir sitzen also alle zusammen in der Gemeinde und reden über Liebe, Annahme, den anderen stärken, ihm in Liebe begegnen und in selbiger tragen - und sind doch innerlich dankbar, dass der Sabbat mit Sonnenuntergang endet, damit wir endlich wieder in alte Fahrwasser verfallen können. Oder nicht? Wie erleben wir uns denn? Wir als Institution sollen doch unseren Worten taten folgen lassen, das von uns am Samstag Gesagte mit Worten füllen.

Ich habe meine Zweifel, dass nach Außen ersichtlich ist, für wen wir das Ganze tun. Ich zweifle daran, dass wirklich Mitarbeit gewünscht ist. Kirche denkt in Jahrhunderten und Andersdenkende werden ausgebremst. Tja einbringen gerne, aber nur so wie wir es uns vorstellen. Ich zweifle daran, dass wir offen und ehrlich miteinander umgehen. Wenn Entscheidungen in einem nichtchristlichen Umfeld Erklärungsnot verursachen. Und nach Jahren und mehrmaligen Nachfragen die Möglichkeit eines Gespräches ausbleibt und du keine Antwort bekommst. Was macht es mit dir, wenn du in der Gemeinde aktiv bist, vor einer Wahl mit Menschen über eine Zusammenarbeit sprichst und diese dann die dir zugesagten Dinge komplett umdrehen, dir den Boden unter den Füßen wegziehen. Was macht es mit dir, wenn Informationen weitergegeben werden, die nur für gezielte Personen verfasst wurden und nur diese die, aus der Situation entstandene emotionale Tragweite einer solchen Nachricht verstehen kann. Du bei deinem nächsten Besuch in der Gemeinde zum Aussätzigen avancierst? Gemieden? Blicke nur noch im Rücken spürst? Einem nach jahrelanger Tätigkeit Misstrauen und Ablehnung entgegen schlägt? Zweifel an der Moral.

Vielleicht kann man sie wie die Kleidung wechseln. Heute ist Samstag. Jetzt den Moral-Anzug und die frisch geputzten Schuhe. Und am Abend, puh, endlich rum. Jetzt aber wieder rein in die bequeme Hose und die Sandalen. Wenn man die Situation eines Arbeitslosen parallel mit der eines Zweiflers betrachtet, kommt man zu interresanten Übereinstimmungen. In der Arbeitslosigkeit spricht man von 4 Stufen die durchlaufen werden. Vom anfänglichem "ich schaffe das" bis hin zum Verlust des Selbstwertgefühls. Resignation macht sich breit und letztendlich die Selbstaufgabe. Selbstzweifel.

Und der Gläubige. Er bekommt einen Schuß vor den Bug und geht weiter zur Gemeinde weil er sagt: "Das ist doch meine Gemeinde. Ich gehe nicht weg. Hier bekommt mich keiner raus." Aber nach den Blicken im Rücken, dem geschnitten werden und dem Spießrutenlauf am Ende doch die Frage: "Was bringt mir das? Was soll ich da?" Wenn ich mich auf dem Weg nach Hause frage: "Worüber wurde heute gesprochen? Hat mich das erreicht? Bringt mich das in meinem Jetzt weiter?"

Mir kam der allen sicherlich bekannte Bibeltext in den Sinn in dem Jesus sagt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind werde ich unter Ihnen sein …" in den Sinn. Vielleicht ist ja das hier das Problem. Wir sind zu viele, bei einer solchen Menge hat er keinen Platz? Zweifeln.

Was, wenn es uns gelänge unsere Jugendlichen in der Gemeine zu halten, ihnen zu vermitteln das Gemeinde ein Ort ist an dem zu bleiben es sich lohn. Daran zweifle ich, wenn Kinder an den Taten von Eltern gemessen und bewertet werden. Von dir als Adventisten-Kind hätte ich mehr erwartet. Wenn Kinder sagen: "Gemeinde hat mich abgehärtet. Draußen im ‚wirklichen Leben' kann mich nichts mehr umhauen." Wenn sie geschnitten werden von Leuten mit denen sie zuvor zusammen waren. Wenn Meinungsverschiedenheiten auf dem Rücken von Kindern ausgetragen werden und du nichts machen kannst! Zweifeln.

Wenn Personen mit hoher Sozial-Kompetenz und Verantwortung für und an unseren Kindern sich der Tragweite Ihrer Handlung nicht bewusst sind? Zweifeln. In einem Zitat, das ich nur Sinngemäß wiedergeben kann, wird es so formuliert: "Mit dem Piloten habe ich keine Schwierigkeiten nur mit dem Bodenpersonal" Es gibt so vieles was mich Zweifeln, ja an der Gemeinde verzweifeln lässt. Und trotzdem bin ich da, stehe hier vor Euch und weigere mich dem Zweifel zu erliegen. Und das ist nicht mein Verdienst.

Es gibt Menschen die mich stützen, mich tragen. Der Kreis der Blechbläser mit dem, was ich dort erlebe - und sie sind sich dessen nicht bewusst - hat mich lange Zeit getragen. Freunde, die bereit sind Zweifel auszuhalten, oder auch nur im Vorbei-fahren zur Gemeinde an unserer Tür hupen. Ich weiß mein Erlöser lebt und ist für mich gestorben. Aaber Gemeinde? Ist die vielleicht gestorben für mich? Ähnlich wie bei der Hochzeitszeromonie das "in guten und in schlechten Tagen, bis dass der Tot euch scheide". Vielleicht ist der Gemeindeaustritt der Tod nach den schlechten Tagen. Zweifeln. Wie gehe ich damit um? Hier, heute, morgen. Reinhard May besingt in einem seiner Lieder seine Deutschen Heimat - die Ungerechtigkeit in diesem unseren Lande. Er prangert Missstände an, soziale Ungerechtigkeit. Es gäbe viel aufzuzählen. Am Ende des Liedes jedoch kommt er zu der Feststellung "das es trotz dieser Unwägbarkeiten, der vielschichtigen Differenzen und sozialen Ungerechtigkeiten sein Land ist, seine Heimat, das er hier Zuhause ist und auch er hier von Menschen gebraucht wird. Es ist meine Gemeinde, meine Familie, mein Glaube.

Vieles passiert und ich kann es mir nicht erklären. Ich verstehe es nicht. Manchen Dingen messe ich keine Bedeutung mehr zu. Oder ich versuche mich zu distanzieren, mich raus zuhalten, am besten gar nicht mehr hinter die Kulissen schauen. Das mindert das Verletzungsrisiko erheblich. Aber hilft das wirklich weiter? Johann Wolfgang Goethe hat einmal gesagt. "Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen." Ich wünsche mir, für die Zukunft diese Einstellung und hoffe das Gott mir das schenkt..

 
"Um sich auseinanderzusetzen, muss man sich erstmal zusammensetzen"
 
 
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