Zweifel erlaubt ?!     
 
  12.04.2008      
   
 
"Wenn nicht Meinung gegen Meinung offen gesagt wird, lässt sich die bessere nicht herausfinden" Herodot
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Eine Reise mit Folgen:
Daniel 2 und die Chinesen
Aktualisierungsversuch
von Dr. L. E. Träder

Den meisten ist es sicherlich bekannt, dass meine Frau und ich im Laufe der Jahre viele große Reisen unternommen haben. Wir haben fast alle Kontinente bereist. Wir waren in Australien, Neuseeland, in Afrika, den USA und haben Südamerika vom Amazonas bis nach Feuerland durchstreift. Zweimal waren wir in China, haben dabei auch Tibet und Pakistan besucht und waren im letzten Jahr für einige Wochen in Indien.

Warum erwähne ich das? Ich habe nicht die Absicht, hier und heute einen Reisebericht zu geben, sondern mich haben die Reisen zu sehr konkreten theologischen Fragen geführt. Und eine davon will ich heute Nachmittag kurz mit Euch erörtern.

Es geht um einen typisch adventistischen Begriff. Es geht um die "gegenwärtige Wahrheit". Von den verschiedenen Definitionen, die diesen Begriff erhellen, benutze ich den, der in etwa der kontextuellen Wahrheit entspricht, d.h. ich frage mit diesem Begriff nach einem aktuellen Bezug zum Zeitgeschehen.

Viele Adventisten, vor allem in früheren Jahrzehnten, sind durch eine aktuelle biblische Verkündigung zur Adventgemeinde gekommen. Die meisten waren Christen, kannten die Bibel - wenn auch vielleicht nur etwas oberflächlich - und waren nun erstaunt, zum Teil völlig ungewohnte Themen und Aktualisierungen zu hören. Das hat die Menschen beeindruckt, sie forschten weiter und kamen zum Schluß, dass die Adventgemeinde ihre neue geistliche Heimat werden sollte. Unter dem Stichwort "gegenwärtige Wahrheit" verkündigten unsere Prediger bis vor einiger Zeit sehr aktuelle Auslegungen biblischer Texte. Vor allem die prophetischen Passagen der Bibel hatten es uns angetan. Zeitgeschehen und prophetisches Wort wurden in einen aussagekräftigen Zusammenhang gebracht. Interessierte Mitmenschen wurden angesprochen von diesen Darlegungen, und die Gemeindeglieder fanden sich in ihrem Glauben gestärkt.

Seit einiger Zeit aber stelle ich fest, dass diese Form der Verkündigung sehr nachgelassen hat. Randgruppen machen sich diese Tatsache zu nutze und versuchen durch zum Teil abenteuerliche Auslegungen diese Lücke zu füllen. Da es sich dabei aber leider meist um ziemlich extreme Deutungen des Zeitgeschehens handelt, ist der theologische Schaden größer als der seelsorgerliche oder evangelistische Nutzen.

Die Gründe für das weitgehende Verstummen dieser Thematik in unseren Gemeinden sind mehrschichtig und sollen hier nicht im Einzelnen erörtert werden. Nur so viel: Zum einen haben wir uns offensichtlich in manchen Auslegungen geirrt und das hat viele Prediger verunsichert. Ehe ich vielleicht etwas Falsches sage, schweige ich lieber. Zum anderen hat sich teilweise auch unsere offizielle Theologie in einigen dieser Themen verändert. Um ein Beispiel zu nennen: Offb. 16,12: "Und der sechste Engel goß aus seine Schale auf den großen Strom Euphrat; und sein Wasser trocknete aus, damit der Weg bereitet würde den Königen vom Aufgang der Sonne." Ich habe noch in Predigten und Vorträgen in diesem Zusammenhang von den Japanern und Chinesen gehört. Die Völker des Fernen Ostens würden sich aufmachen und man zitierte gern einen deutschen Kaiser, der von der "gelben Gefahr" gesprochen hatte. Spätestens seit der großen Bibelkonferenz 1988 auf der Marienhöhe wissen es alle deutschsprachigen Prediger anders. Die Theologen der Andrews Universität haben eindeutig die "Könige vom Aufgang der Sonne" mit Christus gleichgesetzt. (Hans K. LaRondelle, Die Bedeutung der letzten sieben Plagen) Vom Text her gäbe es keine andere Möglichkeit. Diese neue und offizielle Auslegung ist deutlich mehr als eine Akzentverschiebung. Sicherlich hat so mancher Prediger, der dieses und ähnliches erlebt hat, die Verbindung von Zeitgeschehen und Auslegung prophetischer Texte reduziert. Auf der Strecke geblieben ist eine typisch adventistische Themenreihe: die "gegenwärtige Wahrheit", wobei "gegenwärtige Wahrheit" nicht nur auf prophetische Texte beschränkt war.

Der Ruf nach Verkündigung im Sinne einer "gegenwärtigen Wahrheit" wird aber immer lauter. So ist das Fehlen dieser Verkündigung mit ein Grund, weshalb manche die Gemeinde verlassen oder sich zumindest in eine abwartende Haltung begeben haben. Das jedenfalls höre ich oft, wenn ich mit ehemaligen Adventisten zusammen bin. "Was unterscheidet uns denn überhaupt noch von anderen Christen?" - "Wo ist der aktuelle Bezug zu meinem Alltagsleben, zu meiner Situation hier und heute?" Deshalb gehört für mich das intensive Nachdenken über eine aktuelle "gegenwärtige Wahrheit" zu den vorrangigen theologischen Aufgaben.

Das wird inzwischen auch von manchem Prediger so gesehen und sie begeben sich an die Arbeit. Nur was manchmal dann dabei herauskommt, irritiert mich oft. Ist es wirklich notwendig und vor allem theologisch angebracht, historisch inzwischen fragwürdig gewordene "Uralt-Positionen" wieder aufzufrischen, wie das Padderatz in seinem neuen Buch über Amerika versucht? Sollten wir nicht gerade auf der uns Adventisten so vertrauten Ebene der prophetisch-apokalyptischen Bibeltexte mutig Neuland betreten?

Ich möchte im folgenden ein Beispiel liefern, wie ich mir heute die Verkündigung einer aktuellen "gegenwärtigen Wahrheit" vorstelle, wobei ich betonen möchte, dass es sich um Ansätze für eine hoffentlich beginnende Diskussion handelt, nicht um ein fertiges Konzept oder System. Dieses Beispiel entnehme ich einem klassischen adventistischen Themenbereich: der Prophetie. Gerade die Auslegung prophetischer und apokalyptischer Texte der Bibel war über viele Jahrzehnte ein bezeichnendes Merkmal adventistischer Verkündigung. Hier sollten wir wieder ansetzen. Die Frage ist nur: Gibt es wirklich zuverlässige, aktuelle Zusammenhänge zwischen "Zeitung und Bibel"?

Als Beispiel für meinen Aktualisierungsversuch habe ich Dan. 2 gewählt. Mit dem Versuch einer Aktualisierung verknüpfe ich aber gleichzeitig eine grundsätzliche Frage, d.h. Ihr müsst auf zwei Ebenen mitdenken. Die eigentliche Frage nämlich lautet: Wie begründen wir die Tatsache, dass nach gängiger adventistischer Bibelauslegung - bezogen auf die prophetischen Texte - der größte Teil der Menschheit in diesen Texten oder in unserer Auslegung dieser Texte gar nicht vorkommt? Damit hier nichts verwechselt wird: Die Bibel spricht alle Menschen an und das bezieht sich auf das Wesentliche. Die Verheißungen, die ethischen Forderungen, die Erlösung durch Christus und all die anderen Grundaussagen der Bibel gelten allen Menschen zu allen Zeiten. Aber wie steht es mit der Auslegung prophetischer Texte? Würde es z.B. einen Chinesen interessieren, wenn ich ihm Daniel 2 in der üblichen Form auslege? Vielleicht hat er ein historisches Interesse und ein gewisses Basiswissen. Dann könnte ich ihm mit meiner Auslegung vielleicht ein intellektuelles Vergnügen bereiten. Aber dazu sind die Texte wohl nicht gedacht. Das gleiche Problem habe ich, wenn ich an die Milliarden Menschen nicht nur in China, sondern auch in Indien, Afrika, Ozeanien und Südamerika denke. Der größte Teil der Menschheit findet sich nach der meist üblichen Methode der Auslegung in den prophetischen Texten der Bibel nicht wieder. Ob das von Gott wirklich so gemeint ist? Oder haben wir hier einen klassischen Fall von zeitbedingter und zugleich Zeit begrenzter Bibelauslegung vor uns? Diese Fragen sind mir bei unseren Reisen durch die dicht besiedelten Länder vor allem in China und Indien gekommen. Hier regte sich der theologische Zweifel!

Dass sich Menschen in der Auslegung irren können, ist keine Frage. Ein leicht nach zu vollziehendes Beispiel liefern die Theologen in Israel zur Zeit Jesu. Sie hatten das Hauptthema, nämlich die Fragen um den kommenden Messias, von der Schrift her völlig falsch ausgelegt. Wir können das im Nachhinein beurteilen. Für viele Juden aber war der damalige Irrtum theologisch tödlich. Sie lehnten den Messias ab, weil sie sich für eine andere Deutung der Texte entschieden hatten. So etwas ist in der Kirchen- und Dogmengeschichte immer wieder nachzuweisen, die Folgen sind unterschiedlich. Ich teile in dieser Frage nicht die Meinung von einigen unter uns, dass die Juden die entsprechenden Texte des AT eigentlich hätten gar nicht verstehen können. Hier habe ich ein anderes Bibelverständnis. Aber sprechen wir wieder von der Adventgemeinde. Auch wir haben Spezifika, die zeitlich bedingt, eine große Bedeutung hatten. Das klassische Beispiel: Als die ersten Adventgläubigen die große Enttäuschung von 1844 erlebt hatten und sie in eine fast hoffnungslose Lage gestürzt waren, wurde ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Passagen der biblischen Lehre vom Heiligtum gelenkt. Sie fanden so eine Möglichkeit, ihre existentiell bedrückende Situation innerlich befriedigend zu verarbeiten. Wir haben diese Enttäuschung heute nicht mehr zu verkraften und deshalb sehen wir die entsprechenden Texte im Hebräerbrief und im Buch Daniel differenzierter. Sehr deutlich hat das 1980 Prof. Dr. AbrahamTerien, ein Theologe der Andrews Universität in einem Referat in Freudenstadt formuliert: "Der Autor des Hebräerbriefes denkt nicht an eine doppelte Funktion in einem himmlischen Heiligtum. Es gibt für ihn kein Heiliges mit zwei Abteilungen, sondern einen Ort: Das Allerheiligste. Nach Kap.9, Vers 24 ist dieses Allerheiligste der Himmel selbst." (AGG, Bd.19,S.47) Viele Teilnehmer der Tagung sind damals innerlich gelöst nach Hause gefahren. Waren sie doch von einem historischen Ballast befreit, der für Adventisten unserer Epoche keine oder anders formuliert, eine gewandelte Bedeutung gewonnen hatte.

Es geht also in der Auslegung biblischer Texte nicht immer einfach um richtig oder falsch, sondern es geht auch darum, wie lange gilt eine Deutung als richtig und wann wird sie überflüssig, vielleicht sogar irreführend. Damit sind wir wieder in der Gegenwart und bei unserer Methode der Auslegung. Meine Grundthese lautet: eine nur euro-zentristische Auslegung greift zu kurz! Sie ist nicht falsch, aber sie muß erweitert werden. In unserer üblichen Auslegung geht es fast ausschließlich um Europa, den Nahen Osten und die USA (von Europäern besiedelt und somit Teil der europäischen Geschichte). Der Rest der Welt - und das ist quantitativ in jeder Hinsicht der deutlich größere Teil - entschwindet im theologischen Niemandsland.

Es ist an der Zeit, einen neuen, aktuellen Ansatz für die Auslegung prophetischer Texte der Bibel zu finden. Und ich wiederhole: der euro-zentristische Ansatz war nicht falsch. Er war zeitbedingt richtig und hat vielen Menschen geholfen, Vertrauen zur Verbindlichkeit der Aussagen der Bibel zu gewinnen. Aber heute sollten wir den Ansatz erweitern. Ich plädiere für einen globalen Ansatz. Wenn dieser Begriff bisher auch ausschließlich in anderen Zusammenhängen gebraucht wird, ist er doch brauchbar für die dringend notwendige Aktualisierung der "gegenwärtigen Wahrheit". Mit der Forderung nach globaler Deutung der prophetischen Texte der Bibel betreten wir theologisches Neuland. Aber das allein kann ja wohl kein Grund zur Ablehnung sein. Alles Neue ist zunächst immer etwas ungewohnt, aber nach einiger Zeit gewinnen wir auch dem Ungewohnten vertraute Züge ab. Den ersten Schritt in die angedeutete Richtung haben wir schon vor längerer Zeit getan. Nur war uns nicht bewußt, dass dieses Modell auch auf andere Texte übertragbar sein könnte. Ich meine unsere Auslegung der sieben Sendschreiben aus der Offenbarung des Johannes. Hier unterscheiden wir in unserer Auslegungspraxis drei Ebenen: 1. Es handelt sich offensichtlich um Briefe an damals bestehende Gemeinden in Kleinasien. Für sie waren die Briefe wohl zunächst gedacht (die individuelle Ebene). 2. Es handelt sich um verschiedene Epochen der Kirchengeschichte - von der urchristlichen Gemeinde bis zur Adventgemeinde (die euro-zentristische Ebene). 3. Es handelt sich um Ratschläge für alle Gemeinden zu allen Zeiten an allen Orten (die globale Ebene).

Übertragen wir dieses Schichtenmodell z.B. auf Daniel 2, ergeben sich sehr aktuelle Bezüge. Ich werde nachfolgend versuchen, einige Strukturen aufzuzeigen, die es vielleicht ermöglichen, auch bekannte prophetische Texte neu zu lesen und zu deuten. Dabei geht es mir vor allem auch darum zu zeigen, dass wir als Adventgemeinde in der Deutung der prophetischen Texte der Bibel durchaus Ansätze für eine sehr aktuelle "gegenwärtige Wahrheit" finden können. Der globale Ansatz ermöglicht es uns, den Blick über die klassische adventistische Geschichtsschau hinaus auf die aktuellen größeren Zusammenhänge zu lenken.

In der Tradition der Reformation, des Calvinismus in der puritanischen Ausprägung und des amerikanischen Pietismus haben wir konkrete theologische Feindbilder übernommen. Weder Luther noch die frühen Adventisten konnten ahnen, daß sich z.B. in unserer Epoche neben die Katholische Kirche ein radikal militanter Islam stellen würde, der für das "christliche Abendland" eine viel größere Herausforderung bildet als viele arglose Zeitgenossen ahnen. Wer Samuel P. Huntingtons Buch "Kampf der Kulturen" gelesen hat, wird besser verstehen, dass wir uns in einer vom vorigen Jahrhundert völlig veränderten Situation befinden. Kaum jemand kann doch heute ernsthaft annehmen, dass sich die Menschenmassen in China oder Indien ihre religiösen Verhaltensweisen von der röm.-kath. Kirche vorschreiben lassen werden. Spätestens bei diesen Überlegungen wird deutlich, dass es fast zwingend ist, den euro-zentristischen Ansatz durch einen globalen zu ersetzen. Nur Anhänger einer obskuren Verschwörungstheorie erwarten immer noch eine Weltregierung, die für die Gläubigen höchste Gefahr bedeute. George Bushs Traum von einer "neuen Weltordnung" ist längst geplatzt und die USA werden in Zukunft alles daran setzen müssen, um wenigstens noch für eine gewisse Zeit die Nummer eins in der Welt bleiben zu können. Die Chinesen und bald auch die Inder werden ihnen diese Position faktisch streitig machen. Zwischen meinem ersten und dem letzten Besuch Chinas liegen nur neun Jahre, aber die Veränderungen sind so augenfällig, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Für den Schluß aus Daniel 2 haben wir übrigens schon immer einen quasi globalen Ansatz benutzt, weil der Schluß unserer bisherigen Auslegung besagte: Es wird kein weiteres Weltreich geben. Das galt für Napoleon, Hitler und Stalin und gilt ebenso für die USA und glücklicherweise auch für China und Indien. Aber diese globale Sicht haben wir nicht auf das ganze Standbild übertragen.

Ich habe mir manchmal bei meinen Privatreisen die Frage gestellt: Spielen die Südamerikaner, die Inder, die Chinesen in der großen Geschichtsschau der Bibel wirklich keine Rolle? Hier einen neuen Zugang zu finden, ist Anliegen meines Vorschlags. Ergänzen wir also die euro-zentristische Bibelauslegung durch einen globalen Ansatz!

Ich benutze dabei das Schichtenmodell unserer Auslegung der sieben Sendschreiben. Eine individuelle Ebene kann ich in Dan.2 nicht erkennen - es sei denn, wir verstehen darunter die direkte Ansprache Gottes an den babylonischen König - wohl aber die euro-zentristische. Sie wird uns vom Text geradezu aufgenötigt. Es geht um den Vorderen Orient und um Europa. Die einzelnen Teile des heidnischen Götterbildes - denn um ein solches handelt es sich zweifelsfrei - werden konkret benannt: das babylonische Reich, das medo-persische Reich, das griechische Reich, das römische Reich und dann die Teilreiche. Da es sich offensichtlich um Weltreiche handelt, sollten wir z.B. bei Griechenland nicht an die Stadtstaaten von Athen oder Sparta denken, also an das klassische Griechenland, sondern an das Reich Alexanders. Bei ihm und beim medo-persischen Großreich greifen zwar die geographischen Grenzen weit über Europa und Kleinasien hinaus und doch scheint der ganze Aufbau des Standbildes und seine im Text vorgegebene Deutung eine euro-zentristische Auslegung zu verfolgen.

Um nun eine zweite Ebene zu finden und damit einen neuen Ansatz der Deutung des Standbildes im Sinne einer "gegenwärtigen Wahrheit", werde ich versuchen, Strukturen, Stichworte oder kennzeichnende Begriffe zu finden, die es uns dann vielleicht ermöglichen, einen globalen Zugang zum Text herzustellen.

Wer gedankliches Neuland betritt, und das gilt nicht nur für den theologischen Bereich, muß sich der Kritik stellen. Ich weiß sehr genau, daß ich vermintes Gelände betrete. Um es noch einmal deutlich vorweg zu sagen: mit meinem Versuch entwerte ich keinesfalls die bisher gängige Deutung, also auch nicht das, was bisher in unserer Literatur, z.B. auch bei E.G.White oder Uriah Smith oder L. R. Conradi zu lesen ist. Das ist eine Ebene und ich versuche - in Anlehnung an das Schichtenmodell der sieben Sendschreiben - eine zweite Eben zu finden.

Babylon: Dieses Reich am Ufer des Euphrat muß in der prophetischen Literatur der Bibel eine Vielzahl von Deutungen verkraften. Nicht alles, was unsere Theologen dazu sagen, ist inzwischen Allgemeingut der Gemeinden geworden, aber das soll uns hier nicht interessieren. Wir stellen eine einfache Frage: Was kennzeichnet das babylonische Reich der Antike? Die uns vorliegenden Quellentexte zeigen uns einen Staat, der in höchster Form der Selbstherrlichkeit (goldenes Haupt!) viele andere Völker versklavt hat. Ich beziehe mich hier auf das Neubabylonische Reich. Die Bibel beschreibt uns einige Details dieser Epoche im Buch Daniel. Es gibt sicherlich auch noch andere Begriffe, aber ich habe mich für folgende Gleichung entschieden:

Babylon = Völkerversklavung.

Die Aktualisierung - also die "gegenwärtige Wahrheit" - werde ich anschließend vortragen.

Medo-Persien: Die Perser haben die Babylonier besiegt. Herodot hat viele Autoren mit seiner Geschichte vom Umleiten des Euphrats in die Irre geführt. Cyrus mußte nicht den Fluß umleiten, um durch die dann offene Stadtmauer eindringen zu können, sondern die Priester haben offensichtlich Cyrus als Retter gesehen und ihm freiwillig die Stadttore geöffnet. Aber das ist ein anderes Thema. Die Perser kennzeichnet ein ganz bestimmtes Verhalten, wenn es um die Behandlung der vielen unterworfenen Völker geht. Sie haben ganze Völker oder zumindest wichtige Volksteile "verpflanzt". Bestimmte Völker mußten ihre angestammten Wohngebiete aufgeben und sie mit einem anderen Volk tauschen. Deshalb heißt meine zweite Gleichung:

Medo-Persien = Völkervertreibung.

Griechenland: Da der biblische Text offensichtlich von einem Weltreich spricht, geht es - wie schon erwähnt - nicht um Athen oder Sparta, sondern um das Reich Alexanders. Vergleichen wir die Ausmaße der drei Weltreiche, wird ersichtlich, daß Alexanders Reich die größte Landmasse umfaßt. Aber nicht diese Tatsache ist kennzeichnend für die Politik Alexanders. Natürlich wollte er ein riesiges Weltreich errichten. Nur seine müden Soldaten haben ihn in Indien daran gehindert, auch noch nach China zu marschieren! Aber wichtiger als Landmassen zu erobern war ihm die Verschmelzung der Völker. Ihm schwebte ein einheitliches Reich von Griechenland bis China vor. Hier sollten die Kulturen, die Wirtschaft, die Lebensgewohnheiten, auch die religiösen Riten nicht nur gleichberechtigt nebeneinander leben, sondern miteinander verschmelzen. Hellenismus ist ja bekanntlich die Verschmelzung griechischer mit vorderasiatischer Kultur. Das konkreteste Beispiel für Alexanders "Verschmelzungsidee" ist die Massenhochzeit zu Susa. Hier heirateten 1000 Makedonen persische Mädchen. Der König ging mit gutem Beispiel voran: Er heiratete Roxane, eine Tochter des besiegten persischen Großkönigs. Deshalb heißt meine dritte Gleichung:

Griechenland = Völkerverschmelzung.

Rom: Hier hat es der Historiker schwer. Soll er sich auf die frühe Republik, auf die Zeit Cäsars oder auf die Epoche der Wahnsinnigen (Nero, Caligula) beziehen? Ich habe mich für den 1. Höhepunkt der römischen Geschichte entschieden, für die Zeit des Kaisers Augustus. Manche nennen diese Epoche das "goldene Zeitalter". Es war eine Zeit des Friedens, der Sicherheit, auch des wirtschaftliches Wohlstandes. In diese Zeit fällt bekanntlich auch die erste große Ausbreitungswelle des Evangeliums. Was war das Geheimnis der Regierungspraxis des Augustus? Er suchte überall den Ausgleich, vermittelte, stiftete Frieden und vermied - wenn irgend möglich - den Krieg. In seine Zeit fällt z.B. die erste Schließung des Janustempels im Jahre 29.v.Chr. und die Errichtung eines Altars des "Augustusfriedens". In Kleinasien gab es ein Denkmal, das ihn den "Erretter des Menschengeschlechts" nennt, weil er der Welt das Köstlichste, den Frieden gegeben habe. Meine vierte Gleichung heißt deshalb:

Rom = Völkerversöhnung.

Die Teilreiche Auf dem Boden des römischen Reiches (geteilt in West- und Ostrom) siedelten im Verlauf der Geschichte viele Stämme. Sie kamen aus allen Himmelsrichtungen und gründeten Reiche, die mehr oder weniger lange existierten. Aus einigen entstanden die Staaten, die wir heute noch kennen. Grenzen werden jetzt wichtig. Früher waren es Flüsse oder Gebirge, also natürliche Gegebenheiten. Aber schon die Römer schufen nicht-natürliche Grenzen - siehe den Limes als Abgrenzung zu den Germanen. Handelte es sich früher um relativ große Staatsgebilde, werden sie im Verlauf der Geschichte immer kleiner. Dadurch gewinnen Grenzen, also Abtrennungen immer mehr an Bedeutung. Westgoten, Ostgoten, Langobarden oder Vandalen fühlten sich immer weniger als Germanen, sondern sie waren auf ihr eigenes Wohl bedacht, schufen ihr Reich, bewachten ihre Grenzen, und es kümmerte sie immer weniger, wie es dem Rest der Germanenstämme ging. Meine fünfte Gleichung heißt deshalb:

Teilreiche = Völkerzertrennung

Damit haben wir jetzt fünf Begriffe aus dem Standbild extrahiert. Als letzte Aufgabe geht es nun darum, diese Begriffe zu aktualisieren, also daraus "gegenwärtige Wahrheit" zu gewinnen. Das dürfte nicht schwer fallen. Ich beschränke mich jeweils auf einige wenige Beispiele.

Völkerversklavung:
Wer die wahren Berichte über Tschetschenien liest, liest babylonisches Gedankengut. Hier wird versucht, ein ganzes Volk zu unterdrücken, zu versklaven. Ich war in Tibet. Die Einheimischen sehen in den Chinesen eine Besatzungsmacht, die in allen Bereichen, v.a. in der Religion "babylonisch" eingreift und reglementiert. Täglich lesen wir entsprechende Berichte

Völkervertreibung:
Wem fallen hier nicht sofort die blutigen Ereignisse auf dem Balkan ein. Das schlimme Wort von der "ethnischen Säuberung" machte die Runde. Das atmet "persischen" Geist. Mit wieviel Leid und Elend sind Vertreibungen verbunden. Ostpreußen oder Schlesien sind weitere Beispiele aus deutscher Vergangenheit.

Völkerverschmelzung:
Gerade in unseren Tagen bestimmt u.a. ein Stichwort die öffentliche Debatte: Einwanderungspolitik. Wie viele dürfen ins Land, wer darf kommen und v.a. wie soll die Integration gestaltet werden? Islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen? Sind wir noch Teil des christlichen Abendlandes - gibt es eine "Leitkultur"? - oder schon einen großen Schmelztiegel, in dem viele Rassen, Kulturen, Religionen verschmolzen werden? Ob dieses Thema in Deutschland ein Wahlkampfthema wird, ist nicht entscheidend. Offensichtlich aber ist es ein Thema, das viele Menschen bewegt. Alexander wollte Kulturen verschmelzen. Sein Beitrag zur Geschichte wiederholt sich vor unseren Augen.

Völkerversöhnung:
Der südkoreanische Präsident hat den Friedensnobelpreis erhalten und zwar ausdrücklich für seine Völker versöhnende Politik. Der Kniefall Willi Brandts gehört hierher und vielleicht auch das Lebenswerk Nelson Mandelas.

Völkerzertrennung:
Die Liste der aktuellen Beispiele ist fast unendlich. Der Nationalismus treibt z.T. skurrile Blüten. Zwerggebiete wie der Kosovo wollen unabhängig sein. Wenn es für manchen Ruf nach Unabhängigkeit gute Gründe geben mag - der Spaltpilz der Völkerzertrennung treibt auch schlimme Blüten. Ich nenne nur ein Stichwort: die Bluttaten der ETA in Spanien oder der IRA in Nordirland.

Alle bisherigen Aussagen gipfeln im zunächst bedrohlich erscheinenden Schlußbild: (Dan 2,34) "Das sahst du, bis ein Stein herunterkam, ohne Zutun von Menschenhänden; der traf das Bild an seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren, und zermalmte sie.35 Da wurden miteinander zermalmt Eisen, Ton, Kupfer, Silber und Gold und wurden wie Spreu auf der Sommertenne, und der Wind verwehte sie, daß man sie nirgends mehr finden konnte. Der Stein aber, der das Bild zerschlug, wurde zu einem großen Berg, so daß er die ganze Welt füllte." Die Deutung wird von Daniel sehr konkret beschrieben: (Dan 2,44) "Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben."

Als "gegenwärtige Wahrheit" wird den Menschen in den Folterkellern Tscheschteniens, den vergewaltigten Frauen auf dem Balkan und den unterdrückten Tibetern verheißen: Alle babylonischen und persischen Machenschaften haben einmal ein Ende. Auch die Großmachtträume sämtlicher Diktatoren dieser Erde finden ein Ende. Ebenso das Morden der ETA und der IRA. Auch die gut gemeinten Integrationsprogramme westlicher Regierungen haben keinen Ewigkeitswert. Mit dem Kommen Jesu Christi wird die Hütte Gottes bei den Menschen errichtet. Dan. 2 will und kann den Menschen in allen Lebenslagen - auch hier und heute - ob in Deutschland mit dem Ausländerproblem (Frage der Integration) - ob in Spanien mit dem Wüten der ETA - ob in Tibet oder Tschetschenien - Trost und Hoffnung vermitteln.

Es geht bei der Aktualisierung von Dan.2 nicht einfach um einen schlichten Ersatz der bisherigen Deutung. Es geht vielmehr um eine deutliche Erweiterung der Aussagen. Es gibt wenige Menschen, die sich für die Geschichte der antiken Völker interessieren. Deshalb findet die bisherige Deutung von Dan.2 in der Gegenwart wenige aufmerksame Zuhörer. In Indien oder China wird die klassische Deutung kaum verstanden werden. Wenn wir Dan.2 aber wie vorgeschlagen aktualisieren - und zwar mit einer global arbeitenden Deutung - dann besteht die Aussicht, daß wir die Menschen wieder mit der Verkündigung des prophetischen Wortes erreichen. Wir können im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Chaos der Gegenwart Hoffnung vermitteln, Aussicht auf ein Ende der Gewalt, der menschlichen Unzulänglichkeiten. Mit dem großen Stein, der ohne Zutun menschlicher Kraft die ganze Erde füllen wird, beginnt ein neuer Äon: Das Reich Gottes, die Hütte Gottes bei den Menschen.

Was hat diese kleine Studie erbracht? Wir waren auf der Suche nach einer aktuellen "gegenwärtigen Wahrheit". Und wir wollten uns nicht mehr nur auf Europa beschränken, sondern global denken und deuten. Dan. 2 hat in seiner klassischen Deutung keinen Raum z.B. für Asien. Konzentrieren wir das Standbild auf einzelne Begriffe, die sich von der geschichtlichen Quellenlage her anbieten, dann sind wir in der Lage, aktuell und global zu deuten. So sind uns Korea, Tschetschenien und Tibet begegnet. Wer hier mitdenkt, recherchiert und forscht, wird weitere Beispiele finden. Die Kernaussagen des Standbildes sind nicht nur auf eine Ebene beschränkt, auf die zeitlich-lineare Schiene. So wurde es bisher immer ausgelegt. Wir haben eine zweite Ebene gefunden und eine Begriffsschiene entwickelt, die es uns ermöglicht, sehr aktuell und global zu deuten. Der "Geist" des Standbildes - komprimiert in einzelne Begriffe - wirkt in vielfältiger Form weltweit bis heute!

Ich gebe gern zu, daß es möglich sein wird, auch andere Begriffe aus dem Standbild abzuleiten. So könnte ich mir auch die folgende Reihe vorstellen: Babylon: Reichtum (Weltgeltung) - Medo-Persien: Eroberungsdrang (Weltbeherrschung) - Griechenland: Kampf der Kulturen (Weltreligion) - Rom: Ordnungsmacht (Weltregierung) - Teilreiche: Souveränitätsstreben (Weltkriege).

Es dürfte nicht schwer fallen, auch für diese Begriffsreihe eine globale und aktuelle Deutung zu finden.

Wer lieber bei der gewohnten Interpretation bleiben will, dem sei es unbenommen. Niemand hat ja behauptet, daß diese falsch sei. Es ging uns nur um die Frage, ob denn die Bibel den größten Teil der Menschheit ignoriert, wenn es um prophetische Texte geht. In der hier vorgelegten kleinen Studie kommen auch die Chinesen vor; z.B. ihr Vorgehen in Tibet. Es bedarf noch vieler Versuche, um das Prinzip der "Globalisierung" in die Theologie einzuführen. Ob es gelingt, vermag ich nicht vorauszusagen. Einen Versuch ist es wert. Mir hat es geholfen, einige theologische Zweifel - die durch unsere Reisen ausgelöst worden waren - zu reduzieren!

 
"Um sich auseinanderzusetzen, muss man sich erstmal zusammensetzen"
 
 
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