Zweifel erlaubt ?!     
 
  12.04.2008      
   
 
"Wenn nicht Meinung gegen Meinung offen gesagt wird, lässt sich die bessere nicht herausfinden" Herodot
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Wenn guten Menschen Böses widerfährt
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Mit offenen Fragen leben

Es war im Jahr 2003 als ich an Krebs erkrankt bin. Ein Unglück kommt selten allein und pa-rallel lief auch beruflich alles schief. Im Jahre 2006 hatte ich mich einigermaßen wieder erholt und ein positives Ereignis konnte gefeiert werden - unsere Hochzeit. Ich höre mich noch heu-te sagen: "Die sieben mageren Jahre sind vorbei. Jetzt folgen die sieben fetten Jahre." Ich verabschiedete mich von meinem Berufsbild und bewarb mich bei Zeitarbeitsfirmen. Ihre Antwort war immer die gleiche: "Frau Scharein, Sie sind überqualifiziert." Was hilft einem da ein gutes Abi und ein gutes Diplom. Ende des Jahres kam ein Angebot für drei Wochen bei einer Pharmafirma mit fünf Buchstaben. Nach zwei Bewerbungsgesprächen bekam ich den Job. Es lief alles wie im Bilderbuch. Aus drei Wochen wurden 4, dann 6. Und dann fragte mich mein Chef, ob ich es mir für länger vorstellen könnte. Freudig bejahte ich und es wurden Strategien entwickelt, wie man es am besten bewerkstelligen könnte. Denn man muss sich von Zeitarbeitsfirmen bei fester Übernahme sozusagen frei kaufen. Doch dann kam alles anders. Mitte Januar war klar, dass ich wieder Krebs hatte.

Meine Welt brach zusammen. Fragen über Fragen beschäftigten mich: Warum ich? Warum noch einmal? Warum jetzt? Hatte ich Gott missverstanden? Hat Gott etwas Bestimmtes mit mir vor? Habe ich Schuld an dieser Situation?

Wenn ich morgens Andachten lese, die leidenden Menschen Mut machen sollen, dann steht dort: "Wenn jemand krank ist oder arbeitslos oder andere existenzielle Sorgen hat …" Dann kann ich immer sagen: Ersetz das ODER mit einem UND - dann entspricht es meiner Situation. So viel Grenzerfahrungen werfen viele Fragen auf.

Erst einmal bin ich der Meinung, dass alle Fragen erlaubt sind, auch Zweifel. Es ist eine Frage des Umganges damit. Kann ich etwas an der Situation ändern? Ich konnte nichts davon zeit-lich verschieben noch auf eine andere Person abschieben. So nach dem Motto: "Gebt mir die Fernbedienung für mein Leben." Einfach diese schlimmen Ereignisse anhalten. Durchatmen. Oder einer anderen Person übertragen. Oder eventuell Programm wechseln. Da musste ICH persönlich einfach durch.

Hilfe waren Freunde, Familie und meine Beziehung zu Gott. Es gibt Menschen, die helfen und es gibt andere Menschen, die nicht helfen. Leider lernt man in solchen Fällen die Spreu vom Weizen zu trennen. Man kann es dann nicht glauben, dass die Problemfelder und die schlechten Erfahrungen weiter gehen. Aber in solchen Grenzsituationen, wo es nicht mehr um nettes Kaffeetrinken und Beziehungsprobleme geht, da kann es sein, dass sich auch von einem nahestehende Personen abwenden.

Hiermit möchte ich erklären, wieso es scheinbar eine Endlosspirale von schlechten Erlebnissen geben kann, in der man nicht Schuld trägt für diese Entwicklungen. Diese Abwendung kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Sie können aus der eigenen Persönlichkeit herrühren. Alleine dieses Thema könnte stundenlang bearbeitet werden. Wichtig ist mir aber: Es gibt Dinge, wo wir die Konsequenzen unseres eigenen Handelns durchleben müssen. Es gibt aber auch viele Dinge, die als "böse" empfunden werden, die nicht durch unser eigenes Handeln entstanden sind.

Was ist Gut und was ist Böse? Ich möchte hier jetzt keinen philosophischen Diskurs halten. Aber für mich ist es wichtig, dass es eine persönliche Einschätzung für den Moment im Hier und jetzt ist. Diese negative Beurteilung kann sich im Laufe der Zeit ändern. Manchmal aber auch nicht. Eine Krankheit kann Schmerzen verursachen, Todesangst aufbringen, Lebenspläne zerstören und sich alles andere als gut anfühlen. Hilfreich für mich war meine persönliche Situation einmal von Außen zu betrachten. Als wir dann auch noch eine fristlose Kündigung unserer Wohnung erhielten war das innere Chaos perfekt. Zwar war das alles juristisch nicht haltbar, aber der Angriff hatte in meiner schon angeschlagenen Situation vollen Erfolg. Zur gleichen Zeit brach der Bürgerkrieg in Kenia aus. Häuser wurden einfach wahllos verbrannt. Die Menschen saßen wirklich auf der Straße und das ließ mich dann doch ein wenig mit meiner Situation versöhnen. Ich möchte hier nicht das Leid verkleinern, sondern die Sichtweise versachlichen, relativieren. In Bezug auf lebensbedrohliche Krankheiten gibt es viele Fragen. Da stellt sich die Frage: Warum ich? Warum jetzt? Ich habe viel darüber nachgedacht wer oder was mir diese Fragen beantworten könnte. Leider musste ich feststellen, dass es niemanden gibt, der mir dieses beantworten kann. Da ich Christin bin, vertraue ich nur diesem einem "System". Diese Fragen können im Hier und jetzt nicht beantwortet werden. Vielleicht findet sich die Antwort später oder gar nicht. Das ist etwas, was ich nicht ändern kann. Es ist glaube ich hilfreich, auch mal etwas stehen zu lassen. Man muss nicht alles klären. Man muss nicht alles verstehen.

Zusammenfassend sehe ich drei grundsätzlich unterschiedliche Arten mit Zweifel umzugehen.
- Einmal die Situation, den Zweifeln immer weiter Raum in den eigenen Gedanken und Gefühlen zu geben. Bis das Gefühl der Endlosschleife aufkommt.
- Festzustellen dass es sich um eine Situation handelt, die weder zu klären noch zu ändern ist. Stehen lassen.
- Der konstruktive Umgang mit Zweifeln. Dinge ändern und klären bzw. relativieren.

Bei Zweifeln sollte man in erster Linie achtsam mit sich selbst umgehen. Wie viel kann ich ertragen? Was kann ich mir zumuten? Alles tun in der Gewissheit, dass uns alles zum Besten dienen soll.

 
"Um sich auseinanderzusetzen, muss man sich erstmal zusammensetzen"
 
 
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